Die Geschichte der Mainzer Neustadt
Die Mainzer Neustadt und ihr Wiederaufbau nach 1945
von Thomas Gärtner, NIN-Redaktion
Die Mainzer Neustadt wurde von den Bombenangriffen auf Mainz ab 1942 schwer getroffen. Die meisten danach noch erhaltenen Gebäude waren im Nordwesten des Stadtteils, nämlich im Gebiet jenseits der Goethestraße in Richtung stadtauswärts. Je weiter man sich in der Neustadt in Richtung Innenstadt näherte, um so größer war die Zerstörung der Gebäude, da hier die Bebauung dichter war und für die alliierten Bomber das Flächenbombardement lohnender. In diesem Gebiet gab es bis auf einzelne noch erhaltene Gebäude nur noch mindestens teilzerstörte Bausubstanz. Es blieben sehr häufig von den Gebäuden nur die Kellergeschosse unzerstört, die Stockwerke darüber ab dem Erdgeschoss waren ab Mai 1945 zumindest teilzerstört. Insgesamt gab es in Mainz kaum 7% aller Wohnungen ohne Schaden. Im eigentlichen Stadtgebiet (Altstadt, Innenstadt, Neustadt) waren 67% aller Wohnungen vollständig zerstört.

Blick von oben auf das zerstörte Mainz nach dem Luftangriff vom 27. Februar 1945 (Bildquelle: Unknown author / wikimedia commons)
Da Mainz nach 1945 der französischen Besatzungszone zugeordnet war, wollten die Franzosen aus Mainz eine Musterstadt des modernen Wohnungsbaus machen. Auch in der Mainzer Neustadt sollte die noch unzerstörte oder teilzerstörte Bebauung abgerissen und durch 10-20-stöckige Wohnhochhäuser in Scheibenform ersetzt werden. Dies sollte eine großzügige Gestaltung mit Grünanlagen, Sport- und Erholungsstätten ermöglichen, da von der Gesamtfläche nur ca. 5% bebaut werden sollten. Die Wohnungen in diesen Wohnhochhäusern sollten nach Süden ausgerichtet werden, mit für die damalige Zeit allem Komfort inklusive Vollmöblierung und jeweils etwa 90 qm groß.
Obwohl bis 1948 noch ein kompletter Planungsentwurf für Mainz erstellt wurde, konnte sich diese Art der Wiederaufbaus nicht durchsetzen, auch weil sie schon von den Kosten viel zu überdimensioniert war und bisherige Grundstücksgrößen ignoriert wurden. Es kam stattdessen zu einem Wiederaufbau auf den vor 1945 bestehenden Grundstücksflächen und Straßenaufteilungen. Bedingt durch die Zerstörung der Grundbuchämter und deren Grundbücher waren Eigentumsverhältnisse nach dem Krieg oft nicht mehr feststellbar. Um trotzdem mit dem Wiederaufbau beginnen zu können, mussten die Grundbücher ab 1945 neu angelegt werden. Man wählte zu ihrer Neuerstellung das Aufgebotsverfahren. Es sollte ermöglichen, erstmal unbekannten Eigentümern die Anmeldung ihrer Ansprüche an Grundstücken zu ermöglichen. Wenn sich niemand innerhalb einer bestimmten Frist als Eigentümer eines Grundstücks meldete, konnte es durch die Stadt Mainz anderweitig verkauft oder vergeben werden, um es neu zu bebauen oder auf ihm den Wiederaufbau zu starten.
Bevor der Wiederaufbau in Mainz startete, musste das Stadtgebiet von den Bautrümmern beseitigt werden. Die Organisation der Schuttbeseitigung erfolgte durch das Mainzer Tiefbauamt. Ab September 1946 begann nach entsprechenden organisatorischen Maßnahmen eine Flächenräumung der Trümmergrundstücke. Diese aus öffentlichen Mitteln finanzierte Trümmerräumung dauerte bis März 1949 an. Danach übernahmen Privatpersonen die Trümmerräumung von Grundstücken, wo noch erforderlich.
Die Menge der zwischen 1946-1949 geräumten Schuttmassen wird auf knapp 1.1 Millionen Kubikmeter geschätzt, bei insgesamt ca. 2 Millionen Kubikmeter Schuttmassen. Aus den geräumten Schuttmassen wurden nach Möglichkeit neue verwertbare Baumaterialien gewonnen, unter anderem Backsteine (ca. 4 Millionen), Eisenträger (ca. 950 Tonnen) und Schrott. Die Hauptmenge der für den Wiederaufbau benötigten Bausteine wurden jedoch durch die wieder ab 1945 instandgesetzten Tonziegeleien in Mainz und zwar als Backsteine produziert.
Der größte Teil der Mehrfamilienhäuser in der Mainzer Neustadt wurde durch Privatpersonen errichtet. Gemeinnützigen Wohnungsunternehmen, wie der Wohnbau Mainz, fielen aber auch eine bedeutende Rolle beim Wiederaufbau des Stadtteils zu. Vor allem in der nördlichen Neustadt, auf den vor 1945 noch dort unbebauten Flächen, wurde die Wohnbau Mainz mit ihrer seit 1950 existierenden Neubauabteilung aktiv. Es wurden dort eine Reihe von viergeschossigen Neubauten mit Grünflächen zwischen den Gebäuden errichtet und quer zu den Straßen angeordnet. Diese Bebauung in Zeilenform, die von der sonst in dem Stadtteil vorherrschenden Blockrandbebauung abweicht, entspricht noch am ehesten den geplanten Wohnhausscheiben in der Stadtplanung der Franzosen für Mainz.
Der Kunsthistoriker Heinz Leitermann meinte im Neuen Mainzer Anzeiger Nr. 15 vom 26. Februar 1946 zur nun vorgesehenen Wiederaufbauarchitektur für die Mainzer Neustadt: „(….) Um die Neustadt und das Gartenfeld brauche man sich dagegen weniger Gedanken zu machen, weil die dort projektierte Aufbauarbeit sie wahrscheinlich schöner und einheitlicher als zuvor wiedererstehen lassen würde.(….)“….(Zerstörung und Aufbau in Mainz 1945-1948 - regionalgeschichte.net)
Vorrangig war nun nach der fallengelassenen weitestgehenden kompletten Neubebauung für Mainz die möglichst schnelle Schaffung von Wohnraum auch in der Mainzer Neustadt. Richtig in Fahrt kam der Wiederaufbau aber erst ab 1950. Bis dahin wurden beschädigte Wohnungen notdürftig instandgesetzt Um das Ziel, möglichst schnell preiswerten Wohnraum zur Verfügung zu stellen, zu erreichen, gab es ab 1950 das erste Wohnungsbaugesetz, das die staatliche Förderung des sozialen Wohnungsbaus in Gesetzform brachte. Durch weitere Förderprogramme für besonders benachteilige Personengruppen wie Bombengeschädigte, Heimatvertriebene und kinderreiche Familien, sollte der starke Druck am Wohnungsmarkt weiter gemildert werden. Anbei einige Zahlen zur Bautätigkeit für Mainz:
1951 wurden in Mainz etwa 1500 Wohnungen neu errichtet, 1956 waren es 416 Wohngebäude mit knapp 2300 Wohnungen. 1959 kamen knapp 2000 Wohnungen hinzu. Die Anzahl der Wohnungen in Mainz stieg zwischen 1950-1961 von knapp 21.000 auf über 41.000 an, die Zahl ihrer Bewohner im selben Zeitraum von knapp 80.0000 auf knapp 128.000.
Der absolut gängige Haustyp beim Wiederaufbau ab 1950 in der Mainzer Neustadt war das 5-6-geschossige Mehrfamilienhaus. Dem Ziel einer maximalen Wohnraumschaffung fielen z.B. die Vorgartenanlagen in der Boppstraße zum Opfer. Die bisherigen Gebäudehöhen der Neustadtbebauung wurden zwar übernommen, allerdings gewann man durch niedrigere Deckenraumhöhen ein Geschoss hinzu. Aus einem Mehrfamilienhaus mit bislang Erdgeschoss und 4 Etagen wurde dadurch nach dem Wiederaufbau eines mit Erdgeschoss und 5 Etagen.
Die bislang mit Erkern, Stuck und geschwungenen Außenfassaden pompös gestalteten Fassaden der Häuser in der Neustadt zur Straßenseite (sogenannte „Schaufassaden“) wurden beim Wiederaufbau durch eine absolut nüchterne, schlichte Fassadengestaltung ersetzt. Bestenfalls wurde ein mehrgeschossiger kleiner Fenstererkervorsprung ohne jeden Schnörkel, in der Außenfassade integriert. Dieser aber nicht an der Hausecke, sondern an der Stirnseite des Gebäudes als Fassadenverzierung.
Absolut vorherrschend waren bei kleiner Grundstücksgröße Einspänner (= Mehrfamilienhäuser mit einem seitlichen Treppenhaus, von dem pro Stockwerk jeweils eine Wohnung abging), ansonsten bei Mehrfamilienhäusern mit größerer Grundstücksfläche Zweispänner (sie haben ein Treppenhaus in der Hausmitte und es geht nach links und rechts pro Stockwerk jeweils eine Wohnung mit spiegelbildlichen Wohnungsgrundrissen ab).

Beispiele für Mehrfamilienhäuser in der Neustadt, die noch die Originalaußenfassaden aus ihrer Errichtungszeit haben (Fotos: Thomas Gärtner)

In einer Reihe von Häusern kamen ins Erdgeschoss Garagenanlagen für Kraftfahrzeuge. Die Wohnbebauung fing somit erst im 1. Stock an. Die Wohnungsgrundrisse sind einfach, aber zweckmäßig. Die Küche ist ein separates Zimmer mit Außenfenster. Oft ist das Badezimmer direkt daneben angeordnet und ebenfalls mit einem Außenfenster. In jeder Wohnung der wiederaufgebauten Mehrfamilienhäuser gab es somit ein Bad mit Toilette und eine Küche. Ersteres stellte eine Verbesserung zu den Etagentoiletten im Treppenhaus dar, die in den um 1880-1890 erbauten Häusern in der Mainzer Neustadt noch häufig anzutreffen waren. Allerdings sind Bad und Küche für heutige Verhältnisse klein, das Badezimmer war etwa 4 qm und die Küche 5-7 qm groß.
Die restlichen Zimmer waren, bis auf das Wohnzimmer, auch für heutige Verhältnisse eher beengt, um die 10-12 qm groß. Der häufigste Wohnungstyp waren 3-Zimmer Wohnungen, danach folgten 4-Zimmer Wohnungen und 2-Zimmer Wohnungen. Für Mainz ging man 1950 von 1,21 Personen pro anrechenbaren Wohnraum aus. In den meisten Fällen gab es in den Wohnungen der wiederaufgebauten Mehrfamilienhäuser bis Ende der 50-er Jahre noch keine Zentralheizung. In jedem Zimmer stand stattdessen ein Einzelofen, der mit Stadtgas betrieben wurden, da die Neustadt schon sehr früh flächendeckend an das städtische Gasnetz angeschlossen war. Später wurden diese Einzelöfen entweder durch Zentralheizungen oder Gasetagenthermen in den Wohnungen abgelöst.
Die Wandstärken sowohl der Außenwände (entweder in Stahlbeton oder mit Backstein ausgeführt), als auch der Innenwände (mit Backsteinmauerwerk oder auch mit Ziegelsplitt), sind für heutige Verhältnisse sehr dünn und der damaligen Materialknappheit geschuldet.
Die Fenster bestanden in der Regel aus Einfachverglasung und Holzrahmen, selten Metallrahmen mit Doppelverglasung. Die Geschossdecken wurden als Stahlbetondecken mit Verbundestrich ohne zusätzliche Trittschalldämmung ausgeführt. Da in Rheinland-Pfalz weiterhin keine Aufzugsanlagen ab einer bestimmten Geschosshöhe vorgeschrieben sind, wurden in die wiederaufgebauten Häuser selten Aufzugsanlagen eingebaut. Sie galten in den Wiederaufbaujahren auch für 4-6-geschossige Häuser als absoluter Luxus, zumal es in der Vorkriegsbebauung der Neustadt auch nur die Ausnahme war.
Heutzutage wurde im Zuge der seit längerem laufenden Fassadensanierung (Aufbringen von Außenwanddämmungen, Fensteraustausch) bei einer Reihe von Mehrfamilienhäusern die bislang eher blasse und eintönige Fassadenfarbe der Häuser oft in farbenfrohe(re) Farbanstriche geändert. Die vorhandenen Erkervorsprünge wurden farblich abgesetzt, neue Fensterrahmen und Hauseingangstüren im einheitlichen Farbton eingebaut. Dadurch wurden bzw. werden die Hausfassaden in der Mainzer Neustadt farblich immer ansehnlicher.
Zeitzeugen gesucht!
Wer hat den Wiederaufbau miterlebt und kann noch weitere Hinweise zu der Zeit geben? Dann melden Sie ich bitte bei uns! Schreiben Sie eine Mail oder nutzen Sie unser Kontaktformular. Gerne auch mit ihrer Telefonnummer für einen Rückruf.
Vom Gartenfeld zur Neustadt - Entstehung eines Stadtteils
von Dr. Hedwig Brüchert
Ausführliche Informationen finden Sie in dem Buch "Die Neustadt gestern und heute - 125 Jahre Mainzer Stadterweiterung" von Dr. Hedwig Brüchert (Hrsg.) Festschrift, hrsg. im Auftrag des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V., Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter, Mainz 1997. Preis: 10,00 €
Erhältlich ist das Buch in der Ortsverwaltung Mainz-Neustadt (Leibnizstr. 47), im Mainzer Buchhandel und beim Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V.
Mainz vor 125 Jahren - das war eine von mächtigen Festungsanlagen und Wällen eingeschlossene Stadt, die sich nicht ausdehnen konnte, denn das Militär hatte das Sagen. Die Bevölkerung wuchs in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer rascher. Die Wohnungen waren hoffnungslos überfüllt, Sanitäranlagen fehlten, jederzeit drohte eine neue Cholera-Epidemie auszubrechen. Aber auch in der wirtschaftlichen Entwicklung blieb Mainz zurück, zu einer Zeit, als andernorts überall Fabriken aus dem Boden schossen.In dem großen Gebiet nordwestlich vor den Stadtmauern, im Gartenfeld, befanden sich Wiesen, Wäldchen und Obstgärten. Hier machten die Mainzer ihre Sonntagsausflüge und kehrten gern in den zahlreichen Gartenlokalen oder im Schützenhaus ein. Hier wohnten aber auch damals schon etwa 3000 Menschen, vor allem Arbeiter und kleine Handwerker, in provisorisch errichteten Fachwerkhäusern. Feste Häuser durften hier, in der Rayonzone, nicht gebaut werden.
Nach langen, zähen Verhandlungen zwischen der Stadt Mainz und dem preußischen Kriegsministerium bzw. nach 1871 mit dem Deutschen Reich konnte am 21. September 1872 endlich der Stadterweiterungsvertrag unterzeichnet werden. Die Stadt Mainz durfte nun die Festungswälle im Bereich der heutigen Kaiserstraße niederlegen und das Gartenfeld bebauen. Allerdings mußte sie für vier Millionen Gulden weiter nordwestlich (am Rheingauwall) neue Festungsmauern errichten. Dennoch: die Stadt hatte ihre Fläche mehr als verdoppelt; die Entwicklung zur Großstadt konnte beginnen!
Stadtbaumeister Eduard Kreyßig arbeitete die Pläne für eine Bebauung des Gartenfeldes aus. Die Grundidee bestand in der Erschließung des Gartenfeldes durch ein symmetrisches, gitterförmiges Straßensystem aus Längs- und Querachsen, aufgelockert durch grüne Alleen und Plätze. Drei große Nord-Süd-Achsen (Rheinallee, Hindenburgstraße und Boppstraße) sollten die Neustadt mit der Altstadt verbinden. Wo seither die Festungswälle der "Gartenfront" waren, entstand ein prächtiger Boulevard, die heutige Kaiserstraße. Auf einer Mittelinsel der Kaiserstraße wurde die evangelische Christuskirche errichtet. 1912 wurde in der Hindenburgstraße der prachtvolle Bau der Zentralsynagoge fertiggestellt, die nur 26 Jahre später, am 9./10. November 1938, in Brand gesteckt und anschließend gesprengt wurde...
Ein Hauptproblem der Bebauung des Gartenfeldes bestand darin, daß dieses Gelände sehr tief lag und deshalb häufig überschwemmt war. Deshalb sahen Kreyßigs Planungen vor, das gesamte Gebiet aufzuschütten. Dies war auch zum Bau der Kanalisation notwendig. Da die Aufschüttung dieses riesigen Gebietes jedoch nur schrittweise zu bewältigen war, wurden zunächst die Straßen höhergelegt und die einzelnen Bauquadrate erst nach und nach aufgefüllt. Da diese Arbeiten nie ganz zu Ende geführt wurden, kommt es, daß wir heute noch an einigen Stellen der Neustadt Stellen finden, die noch das alte Niveau aufweisen. Ein Kuriosum ist das Haus Wallaustraße Nr. 77: Dort befindet sich eine funktionslose (mit Brettern verschlossene) Torfahrt im ersten Stock, und man betritt das Gebäude durch den freiliegenden Keller. Als es errichtet wurde, rechnete man fest damit, daß das Gelände noch aufgeschüttet würde, was bis heute nicht erfolgt ist.
In den Innenhöfen siedelten sich zahlreiche Handwerksbetriebe an, und einige kleine Fabriken hatten in der Neustadt ihren Sitz, wie die Pumpenfabrik Hilge, die Gußeisenfabrik Römheld, die Gasmesserfabrik Elster & Co. Einige von ihnen zogen etwas später in das neue Industriegebiet an der Ingelheimer Aue, wo um 1900 auch das städtische Gaswerk und das Elektrizitätswerk errichtet wurden. Auch die größte Mainzer Fabrik, die es vor den Eingemeindungen hier gab, hatte ihren Standort mitten im Gartenfeld, im Gebiet zwischen Josefsstraße und Goetheschule : die Lederwerke Mayer, Michel & Deninger. Sie beschäftigte zeitweise über 1000 Arbeiter, die 1907 beim Konkurs der Firma arbeitslos wurden. 1887 wurde der Zoll- und Binnenhafen eingeweiht, der für das Wirtschaftsleben der Stadt größte Bedeutung hatte.Die Bebauung des Gartenfeldes ging nur langsam voran. Zunächst mußte die Stadt die Straßen und Kanäle anlegen, bevor Baugenehmigungen erteilt werden konnten. Die Erschließung war sehr kostspielig, und die Grundstückseigentümer, von denen eine "Gartenfeldsteuer" erhoben wurde, stöhnten unter der Belastung. Als erstes wurde entlang der Hauptachsen gebaut. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren im Bereich des Goetheplatzes und in der nördlichen Neustadt noch immer große Flächen frei. Es gab noch zahlreiche Gärten am Raupelsweg und entlang der Scheffelstraße, die Hausfrauen konnten ihre Wäsche auf Wiesen bleichen. Die Kinder und Jugendlichen konnten Drachen steigen lassen, sich im Gestrüpp tummeln, Räuber und Gendarm spielen. Nicht von ungefähr wurde ein Teil der Neustadt das "Indiandervertel" genannt.
Ein großer Teil der typischen Neustadthäuser der Jahrhundertwende mit ihren individuell verzierten schönen Fassaden wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und in den fünfziger Jahren durch schmucklose Mietwohnungsblocks ersetzt. Auch die meisten der zuvor freien Flächen wurden nun in Zeiten dramatischer Wohnungsnot bebaut. Die sechziger und siebziger Jahre bescherten der Neustadt dann einige "Bausünden" in Form von Hochhäusern. So hat unser Stadtteil in den vergangenen fünfzig Jahren sein Gesicht gründlich verändert. Doch hie und da findet man noch eine Fassade aus der Gründerzeit oder ein Jugendstilportal, die an die Anfänge der Neustadt erinnern. Und manchmal trifft man in einer der gemütlichen Eckkneipen oder auf der Gaadefelder Kerb noch alte "Gaadefelder", die von ihrer Kindheit im "Indianervertel" erzählen...

